Wenn Emile Hengen als Kulturredakteur einen Leitartikel1 zum Thema raubmordkopieren schreibt, dann sollte man besser in Ehrfurcht vor seinen tiefgründigen Kenntnissen der Materie erstarren. Er kann immerhin (aus erster Hand?) berichten, dass dieser raubmordkopierende Haufen von ganz ganz bösen Piraten eine luxemburgische Band (die er schlauerweise nicht nennt) an den Rand des Ruins getrieben hat. Herr Hengen geht sogar so weit und erheitert den informierten Leser mit der Feststellung, dass diese sogenannten Piraten und Fischer (er meint wohl Phisher, also Menschen die Passwörter ergaunern) dieser Band etwas stehlen würden.
Einerseits finde ich es schade wenn eine luxemburgische Band auf den Produktionskosten ihrer Platten sitzen bleibt und keine zu verkaufen weiß, dies aber auf Raubmordkopierer zu schieben ist von Herrn Hengen zu kurz gedacht. Der Autor ging wohl davon aus, dass die Studie der GfK faktisch korrekt wäre, dass dem nicht so ist hat bereits ZEIT ONLINE2 bewiesen. Andererseits muss man den Autor klar für seine Unkenntnis der Materie schelten. Es klingt hier durch als wolle der Autor sich entweder rächen für ein empfundenes Unrecht (denn Beweise kann er keine erbringen) oder aber er wurde schlicht dazu angehalten einen reisserischen Artikel zum Thema Raubmordkindervergewaltigerterrorismusfinanzierendenkopierer zu schreiben. Beide Ansätze sind eines Journalisten nicht würdig und das Tageblatt sollte sich überlegen ob es sich auf ein Niveau von Lux Privat dauerhaft herunterlassen möchte. Dies ist ja bekanntlich nicht der erste Ausrutscher eines Journalisten des Tageblatts im digitalen Milieu.3
Wie ich bereits dargelegt habe, bleibt Herr Hengen den Beweis schuldig dass die luxemburgische Band die er nennt tatsächlich weniger gehört wurde und entgangene Einnahmen durch Filesharing hatte. Während er, ganz der Qualitätsjournalist, natürlich die GfK-Studie nicht hinterfragt, hinterfragt er auch nicht ob kopieren mit stehlen gleichgesetzt werden soll oder ob tatsächlich wie von ihm behauptet jeder Internetnutzer ein in seinen Augen Krimineller ist. Es mutet dann schon witzig an, wenn unter seinem Namen eine E-Mailadresse angegeben ist, er nimmt sich ja nicht aus
Gleichzeitig stellt er auch nicht die Frage ob diese (nur ihm bekannte) luxemburgische Gruppe auch nur ein Album zusätzlich verkauft hätte, wenn es das Filesharing nicht gegeben hätte.
Alles in allem hat das Tageblatt hier wieder Qualitätsjournalismus vom feinsten abgeliefert, andere würden es als FUD4 deklarieren. Aber vielleicht kann der Journalist Emile Hengen auf alle offenen Fragen eine Antwort liefern. Einen Link zu diesem Post hat er auf jeden Fall per Mail erhalten.
Quellen
7 comments
Jay says:
Sep 5, 2011
Bei solchen Ergüssen atemberaubendem Blödsinns kann man nur den Kopf schütteln. Du antwortest auch nicht auf jede Lux. Privat Hetze, es wird Zeit Tageblatt und ihre eines jeden Journalisten unwürdige Hetze gegen alles was mit Internet zu tun hat auf die gleiche Ebene wie die das bekannten Schundblattes zu stellen.
Marc says:
Sep 6, 2011
All business op der Welt begéint Probleemer vun där enger oder aanerer Natur. Wann een Geschäft dann wees wi et dee probleem aus dem Wee geet oder et sech zu Notzen mecht, tant mieux. Mee wann Politiker oder Journalisten d’Geschäftswelt verteidegen (an dofir Biirgerrechter kiirzen oder et machen wellen), dann get dat ganz bessen dubios. Et ass einfach nemmen aarm d’innovatioun, hei a Form vum filesharing and dem P2P boom vun de leeschten Jooren, ophaalen ze wellen well een net domadden gerechent huet. Et ass eng innovationsresistenz di senger glaichen siicht. Wee mengt en kéint seng Band hautesdachs mat verkaaften CDs finanziell retten, produzéiert seng CDen wuel selwer a blecht keen Produzent. Doriwwer raus fannen ech et zimmlech lächerlech phishing mat filesharing ze verbannen. Ech lueden mer lo mol den “neien” cool feet album roof an duerno zéihen ech mer puer mill vun den artisten hierer VISA oder wéi? P2P ass eng realiteit di sech net wechreguléiren léisst (et get p2p an bal allen Länner trotz regulatiounen), besser d’entrepreneuren fänken un domadden ze schaffen amplaatz dogéint ze lobbyien. Do brauch een keng semi-wessenschaftlech Pseudobeweisopnahmen, et brauch een just gesonden Menschenverstand. Emmerhin brengt et naischt rauszefannen op p2p den CD marché schiedegt wann een p2p net effektiv eliminéiren kann.
Johny Goerend says:
Sep 6, 2011
Wie war das nochmal? Wenn man keine Ahnung hat …
Und solch einen Artikel lesen dann die Unwissenden und nehmen dies dann noch als für sie richtige Information auf, was soll man dazu noch sagen.
Pascal Thiel says:
Sep 6, 2011
Über 100 Millionen Alben un Filme “illegal” gedownloaded? Man darf getrost davon ausgehen, dass ech sich hier nicht um 100 “Täter” handelt, die je eine Million Alben/Filme gedownloadet haben, sondern eher eine Million oder mehr Täter die um die hundert Dateien gedownloadet haben.
Also kriminalisieren wir ohne Weiteres einige Millionen deutsche Staatsbürger… Ich frage mich, woher wir all die Richter, Staatsanwälte,… nehmen um diese kriminellen Geschöpfe in den Knast zu bekommen.
Anstatt unschuldige Internet-User zu kriminalisieren, sollte sich die Unterhaltungsindustrie neue und attraktivere Geschäftsmodelle einfallen lassen, wie z.B. Flatrates, erweiterte Angebote, etc.
PS: Die luxemburgische Band, die in diesem Leitartikel erwähnt wurde, heißt Mutiny On The Bounty.
Marc says:
Sep 7, 2011
Ich denke auch dass die Industrie sich einfach neue Geschäftsideen über die technologische Entwicklung suchen. Es geht hier auch um eine gesunde Portion Realismus. Ob nun diese Leute Kriminelle sind oder nicht (welche filesharing betreiben), ist mMn einfach nur ein politischer Entscheid. Die Industrie die sich jedoch auf Plattenverkauf stützen will, muss sich ihren business plan überarbeiten. Es ist nunmal eine Realität die auch nicht mit Gesetzen verschwindet. Wenn man dann den bedeutenden Erfolg mancher Bands begutachted, welche nur durch gratis downloads oder youtube Videos bekannt wurden, scheintz es mir nur lächerlich wenn Leute behaupten das filesharing würde dieses Geschäft bedrohen. Als Plattenlabel gestaltet man das Geschäftsmodell doch selbst. Warum sollte man die “kostbaren” Daten in einer Form verkaufen, wenn man weiss, dass diese Form potentiell jedem verfügbar ist ohne die erwartete Gegenleistung. Wenn man also keine Ahnung hat, sollte man sich besser zweimal überlegen ob man Musik produziert und nicht eine grobe Anonymität dafür verantwortlich machen zu der man wahrscheinlich selber noch gehöhrt.
Der Journalist als Unternehmer… wie das Tageblatt ihr Editorial als Werbeplattform nutzt « Jay.lu: Law and Politics says:
Sep 6, 2011
[...] die Jahr für Jahr Schäden in Milliardenhöhe verursachen. Ist der informierte Leser aufgrund der miserablen journalistischen “Leistung” eher über die Stümperhaftigkeit des Autors belustigt, so zeigen sich bei näherem Betrachten [...]
Jay says:
Sep 6, 2011
Ich hab da mal was recherchiert: http://jay.lu/2011/09/der-journalist-als-unternehmer-wie-das-tageblatt-ihr-editorial-als-werbeplattform-nutzt/ Der Autor des Editorials ist Inhaber oder Mitarbeiter einer Plattenfirma in Luxemburg!